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© Sebastian Nast

Das Coupé der Baureihe C116 aus den 70ern war der würdige Nachfolger der Oberklasse-Coupés der W111 und W112 Baureihe. Die schlichte Eleganz, gepaart mit dem „antiken“, aber edlen Chromzierrat war der Traumwagen der 70er Jahre. Derjenige, der in der Oberklasse präsent sein wollte, aber selbst am Steuer sitzen wollte, griff zum Coupé der C116 Baureihe, und konnte vom neuesten Stand der Technik, wie die Weltneuheit ABS, und dem überragenden Komfort einer S-Klasse profitieren.

Der C116 ist heute ein äusserst begehrter Klassiker, und aufgrund seiner geringen Stückzahlen extrem selten…

 

Ich muss gestehen, dass ich etwas geflunkert habe. Es stimmt schon dass der C116 extrem selten ist, denn seine Stückzahlen belaufen sich auf ziemlich genau null. Ein Coupé auf Basis der 116er S-Klasse hat es also nie gegeben. Dennoch ist die Idee eines C116 gar nicht mal so abwegig.

Die Ahnen machten es vor

Mercedes pflegt seit jeher seine Tradition der Luxus-Coupés. Vom 220 Coupé (W187), über die 300 S und 300 Sc Coupés (W188), den Ponton-Coupés (W180, W128) bis hin zu den W111 und W112 Coupés reicht die Historie der Coupés auf Basis der S-Klasse Limousinen, wenn man sich auf die Oberklassefahrzeuge der Nachkriegszeit beschränkt. In den 60ern waren die Coupés der Baureihe W111, bzw. W112, die sich durch eine aufwändigere Chromverzierung und einem höherwertigen Innenraum beim W112 unterscheiden, die Vertreter der Oberklasse, und die direkten Vorfahren eines möglichen C116.

Es war also Tradition die Limousine „lediglich“ zu kürzen, zwei Türen weg zu lassen, und die restlichen Türen zu verlängern. Natürlich ist die Konstruktion eines Coupés nach Vorlage bedeutend umfangreicher, aber dies könnte man durchaus zusammenfassend so betrachten.

Kuriosität und Notlösung

Diese Tradition der S-Klasse Coupés wollte Mercedes-Benz auch bei der S-Klasse der Baureihe W116 fortsetzen. Die Entwicklungen unter dem Stichwort „Image-Coupé“ auf Basis der W116 Baureihe fingen bereits Mitte der 60er Jahre an.

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Sehr schnell stellte sich allerdings heraus, dass Bau und Entwicklung des C116 weitaus aufwändiger und zeitintensiver werden würden als geplant. Der Erscheinungstermin, der für das Folgejahr der Premiere der S-Klasse W116, also 1973 angesetzt war, konnte nicht eingehalten werden. 1974, oder gar 1975 waren realistischer, womit das bereits veraltete W111 Coupé noch bis 1975 im Programm hätte bleiben müssen. Mit dieser Erkenntnis kamen auch recht zeitnah Überlegungen eine Alternative auf Basis der SL-Klasse der 107er Baureihe zu entwickeln, also einen C107 der im Vergleich zum R107 einen verlängerten Radstand, und ein festes Dach haben sollte.

Es bildeten sich zwei Lager. Die Befürworter des „Image-Coupés“ C116, darunter Hans Scherenberg und Werner Breitschwert, wollten an der Tradition festhalten, während Karl Wilfert sich für den C107, unter Anderem als Konkurrenzprodukt zum BMW 2000 CS einsetzte. Nach vielen, teils hitzigen Debatten und Machtkämpfen fiel die Entscheidung auf den C107. Das ausschlaggebende Argument waren der deutlich geringere Entwicklungsaufwand der es erlaubt hat den C107 im Vergleich zum C116 deutlich früher auf den Markt zu bringen.

image46Die Befürworter des C116 konnten sich nicht so recht mit der Entscheidung anfreunden, da der C107 stilistisch nicht vollends überzeugend war. Im Nachhinein versuchten sie im Detail den Entwurf des C107 noch in Richtung „Image-Coupé“ zu beeinflussen indem sie einen Prototypen entwarfen mit verlängertem Heck und ohne Sichtblenden im Heckfenster.

Zugunsten des „Sport-Coupé“ Entwurfs wurden diese Versuche im Endeffekt abgelehnt, wodurch der uns heute bekannte SLC als Vertreter der Luxus-Coupés der 70er Jahre entstanden ist.

Wenn man seine Fantasie etwas schweifen lässt, wäre mit der W116 S-Klasse Front ein durchaus traditionsbewusstes Luxus-Coupé entstehen können.

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Möglicher Entwurf eines C107 mit der Front einer W116 S-Klasse Limousine © Sebastian Nast

 

Heute verteidigt Werner Breitschwert, der damals einer der Befürworter des C116 war, die Entscheidung zugunsten des C107. Schliesslich hätte die Entwicklung des Coupés wahrscheinlich erst 1976, oder gar 1977 abgeschlossen werden können, während der C107 bereits im Oktober 1971 auf dem Pariser Automobilsalon vorgestellt werden konnte. Der Entschluss zugunsten des C107 sollte auch für kommende Baureihen Konsequenzen haben. So ist daraus die Tradition entstanden dass seitdem alle Coupés mit einem SL-Grill ausgeliefert wurden.

Coupé, die Zweite…

Gleich nachdem die neuen Modelle Anfang der 70er Jahre vorgestellt wurden, begann auch die Entwicklung an den Nachfolgebaureihen. In den 70er Jahren waren zunächst besonders die S-Klasse der W126 Baureihe und die SL-Klasse der R129 Baureihe ein Thema in der Entwicklungsabteilung. Wie ein Jahrzehnt zuvor, wurde wieder darüber debattiert ob das kommende Luxus-Coupé als „Image-Coupé“ oder „Sport-Coupé“, also auf W126 oder R129 Basis entwickelt werden sollte, wodurch, wie ein Jahrzehnt zuvor, wieder zwei Lager entstanden.

Die verschiedenen Entwürfe jeweils auf Basis der S-Klasse Baureihe W126 oder der SL-Klasse Baureihe R129 wurden 1976 gegenübergestellt.

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Beim Entwurf des C126 fällt auf, dass dieser einen Stern trägt, und auch eine Limousinen-Front hatte, wie auch das „Image-Coupé“ C116 hätte bekommen sollen.

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Entwurf des C126

Anders als ein Jahrzehnt zuvor, fiel dieses mal die Entscheidung zugunsten des „Image-Coupés“ auf Basis der S-Klasse Baureihe W126. Dies hatte unter Anderem damit zu tun, dass die Entwicklungskapazitäten für den R129 nicht ausreichten. Neben der E-Klasse Baureihe W124 musste Mercedes aufgrund der Flottenverbrauchsvorschriften in den USA eine „kleine“ Limousine entwickeln, die unter der Baureihe W201 lief und auch als „Baby-Benz“ bekannt wurde, sodass die Entwicklung des R129 eine niedrigere Priorität bekam. Der R107 bekam also Mitte der 80er Jahre mit der gesamten Produktpalette eine Modellpflege mit überarbeiteten und neuen Motoren und leichten optischen Veränderungen, und konnte sich 18 Jahre lang im Angebot halten. Somit blieb nur der W126 als Basis für ein Luxus-Coupé.

Laut Formenfreigabe von 1977 hatte der Entwurf tatsächlich die Front der Limousine.

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© Sebastian Nast

Bildbearbeitung © Sebastian Nast

 

Wie auch ein Jahrzehnt zuvor, sorgte das Thema für hitzige Debatten und Machtkämpfe. Die „Sport-Coupé“ Fraktion konnte schliesslich noch durchsetzen, dass der C126 anstatt der klassischen Limousinen-Front einen SL-Grill bekam, um eine Verwandtschaft zum C107 anzudeuten.

Seitdem hat sich die Tradition festgesetzt, dass, sämtliche Coupés, bis auf den C124 und dem C208, die jeweils auf der E-Klasse und C-Klasse basieren, einen „sportlicheren“ SL-Grill bekommen. Mit Ausnahme von einigen wenigen Umbauten, sind die Coupés der W111 und W112 Baureihe also die letzten Mercedes-Benz Coupés der Oberklasse mit Limousinen-Front und Stern auf dem Kühlergrill.

 

Quelle : Nast-Sonderfahrzeuge

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Manuel Senn

Chef-Redaktor
Gründer von Swiss Daimler Addict, im "früheren Leben" Berufsmusiker, nun freischaffender Motor-Journalist, Fotograf und Möchtegern-Youtuber. Verbringt am liebsten seine ganze Zeit mit Automobilen - insbesondere Mercedes - und schraubt für sein leben gern, auch wenn die Wurstfinger desöfteren im Weg stehen. Besonders die alten Schätze sind seine Leidenschaft, aber auch die jungen und frischen Sterne können für Begeisterung sorgen.
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