Zum 50. Geburtstag lässt es AMG richtig krachen. Schon länger wurde spekuliert, dass der affalterbacher Haustuner von Mercedes einen „Hypercar“ entwickelt. Kurz vor der IAA wurden die Sportwagen Fans mit der Silhuette des Project ONE, und recht imposanten Daten „vorgeglüht“. Es war von „mehr als 1.000 PS“ die Rede, und von Geschwindigkeiten jenseits der 350 km/h. Formel 1 Technik mit Strassenzulassung soll der Project ONE verkörpern. Dies haben allerdings schon so einige Hersteller behauptet. Mercedes hat die Studie des Project ONE nun offiziell vorgestellt. Werfen wir einen genaueren Blick auf AMGs Hypercar.

Der macht Ernst

Auf dem ersten Blick sieht man dem Project ONE an, dass das kein Spielzeug ist. Mit einer Systemleistung von über 1.000 PS „spielt“ er mindestens in der Liga mit dem Bugatti Chiron, Ferrari LaFerrari, McLaren P1 oder dem Porsche 918. Während die Konkurrenz sich allerdings noch weitestgehend darauf konzentriert hat, einen Hypercar für die Strasse zu bauen, ohne direkten Bezug zur Königklasse der Rennsportserien, so ging Mercedes-AMG den direkten Weg, und hat Formel 1 Technik direkt strassentauglich gemacht, nahezu kompromisslos.

Man könnte meinen, dass AMGs neueste Hypercar Studie sich in Theatralik übt. Allerdings galt bei der Entwicklung mehr als gewöhnlich die Devise : Form follows function.

Die muskulösen Proportionen sind dem Mittelmotorkonzept geschuldet, die eine ideale Gewichtsverteilung ermöglichen. Grosse dunkle Flächen stehen für wichtige technische Funktionen, und wurden ganz bewusst im optischen Kontrast zum Rest des Wagens gestaltet. Grosse Lufteinlässe an der Front dienen der Kühlung des Hochgezüchteten Motors. Die schwarzen Luftauslässe in der Fronthaube sorgen für einen optimalen Luftfluss durch die Fahrzeugfront, und leiten die warme Luft um die Fahrerkabine herum, wodurch möglichst kühle Luft in den Ansaugtrakt über der Fahrerkabine gelangt. Die Wagenflanken sind in der Mitte straff eingezogen, während Luftleitflächen den Luftstrom optimal um die Karosserie leiten.

Ein automatisch ausfahrender Frontsplitter, und aktive Lüftungsschlitze in den vorderen Radhäusern, so genannte Louvres, erhöhen den Anpressdruck an der Vorderachse und sorgen für eine optimale aerodynamische Balance.

Der Ansaugtrakt über der Fahrerkabine ist aus der Formel 1 abgeleitet, und versorgt den Motor mit grossen mengen an Frischluft. Nahtlos geht der Ansaugtrakt in eine vertikale Finne über, die die Seitenführung in Schnellen Kurven verbessert. Die weit hinten positionierte Heckscheibe soll nicht nur einen Blick auf das Herz des Hypercars ermöglichen, sondern ist ebenfalls Teil des aerodynamischen Konzepts. Zwei grosse NACA Lufteinlässe führen den Luftstrom durch in der Fahrzeugmitte platzierte Motor- und Getriebeölkühler.

Auch das Heck wurde funktionell gestaltet. Mit scharfer, senkrechter Abrisskante, einem zweigeteilten Diffusor, und einem zweistufig ausfahrbaren, zweigeteilten Heckflügel sollen besonders bei hohen Geschwindigkeiten aerodynamische Effizienz- und Performance-Vorteile voll ausgeschöpft werden. Die Abgasanlage mit einem grossen, und zwei kleinen Endrohren wurde direkt aus der Formel 1 übernommen.

Mit jeweils drei rautenförmigen Lichtelementen nehmen sowohl die Frontscheinwerfer, als auch die Rückleuchten die grafische Gestaltung des AMG Markenlogos auf. Die Gestaltung des Airbrushdesigns in Petronas-grün an der Seite des Fahrzeugs wurde von demselben Künstler gestaltet, der auch die Formel 1 Fahrzeuge gestaltet hat.

Als Beifahrer im Formel 1 Rennwagen

Das Design des Interieurs ist sehr funktionell gestaltet, und soll möglichst authentischen Formel 1 Flair vermitteln. Dazu trägt die Gestaltung des Lenkrads bei, dass nach dem Vorbild der Formel 1 oben und unten stark abgeflacht ist. Zwei Controller lassen sich mit verschiedenen Funktionen belegen, wie Fahrwerkseinstellungen und Fahrprogramme. Die LED-Schaltanzeige im oberen Lenkradbereich entstand ebenfalls nach Formel 1 Vorbild. Anstatt eines Innenspiegels, der kaum eine vernünftige Sicht nach Hinten ermöglichen könnte, kommt ein Bildschirm zum Einsatz.

Staufächer hinter den Sitzen und in der Mittelkonsole sollen zumindest ein Minimum an Praxistauglichkeit gewährleisten.

 

Kleiner Motor, ganz grosse Leistung

Im ersten Moment könnte der Antrieb des AMG Project ONE PS-Fans und „Petrolheads“ enttäuschen. Denn sein Herzstück, der Verbrennungs-Motor, hat einen Hubraum von gerade einmal 1,6 Litern. Das wäre in etwa so viel wie der kleinste erhältliche Benzinmotor der A-Klasse. Und dann auch noch als Plug-In Hybrid? Oh heiliger Stern im Himmel…

In der heutigen Zeit zieht der Spruch „Hubraum ist durch nichts zu ersetzen, ausser noch mehr Hubraum.“ nicht mehr. Dieser Motor stammt direkt aus der Formel 1, in der Mercedes ebenfalls mit 1,6 Litern Hubraum fährt. Der V6 Motor mit Direkteinspritzung schöpft seine Kraft, neben dem Einsatz von insgesamt vier Elektromotoren, mit einem Hochdrehzahlkonzept. Der Motor erreicht mühelos eine Drehzahl 11.000 U/min, in der Formel 1 sogar deutlich mehr. Das wird unter Anderem dadurch erreicht, dass dass die mechanischen Ventilfedern durch pneumatische Ventilfedern ersetzt wurden. Zusätzlich werden die vier obenliegenden Nockenwellen durch Stirnräder angetrieben. Die Drehzahlbegrenzung auf 11.000 U/min soll eine längere Haltbarkeit garantieren, und es ermöglichen den Wagen mit handelsüblichen Super Plus Benzin zu betreiben.

Üblicherweise kommen bei Sportwagen zwei Turbolader zum Einsatz, die so ausgelegt sind, dass der eine Turbolader das Turboloch des anderen möglichst ausgleicht. Bei dem Project ONE kommt nur ein Turbolader zum Einsatz. Bei diesem Turbolader sind die Abgasseite, und die Verdichterseite voneinander getrennt. Die beiden Seiten wurden jeweils an optimaler Position zur Abgas- und Ansaugseite des V6 Motors positionert, und durch eine Welle miteinander verbunden. Zusätzlich wird diese Welle von einem 90 kW starken Elektromotor angetrieben, der die Verdichter-Turbine je nach Betriebszustand mit einer Drehzahl von 100.000 U/min antreibt, und so beim Anfahren oder bei Lastwechseln das Turboloch regelrecht ausmerzt, und enorm verkürzte Ansprechzeiten ermöglicht. Der Elektromotor des Turboladers ist ausserdem in der Lage als Generator den überschüssigen Abgasstrom zu nutzen, um entweder die Lithium-Ionen Batterien zu laden, oder den Elektromotoren direkt Strom zuzuführen. Direkt am Motor, der die Hinterräder antreibt, befindet sich ein weiterer Elektromotor, der über einen Stirnradantrieb mit der Kurbelwelle verbunden ist und 120 kW leistet. Mittels AMG-Speedshift 8-Gang Schaltgetriebe, dass speziell für den Project ONE entwickelt wurde, wird eine Leistung von über 500 kW an die Hinterachse geleitet. Das Getriebe wird hydraulisch gesteuert, und kann mit Schaltpaddles am Lenkrad, oder automatisiert geschaltet werden.

Zwei weitere 120 kW starke Elektromotoren befinden sich an der Vorderachse. Mittels Torque Vectoring, können die Motoren der Vorderräder einzeln angesteuert werden, und können mit gezielten, radselektiven Beschleunigungs- und Bremseingriffen eine besonders hohe Fahrdynamik erreichen. Beispielsweise kann in einer Kurve das kurveninnere Rad abgebremst werden, während das kurvenäussere Rad beschleunigt. Der Wagen wird dadurch künstlich „gedreht“, wodurch deutlich höhere Kurvengeschwindigkeiten erreichbar sind. Wie auch der Elektromotor des Turboladers, so sind auch die anderen Elektromotoren in der Lage beim Abbremsen Energie zurück zu gewinnen, und die Energie aus der „Rekuperation“ den Batterien zurück zu führen.

Mit diesem Antriebspaket, erreicht der Project ONE eine Systemleistung von über 750 kW, was über 1.000 PS entspricht. Die Lithium-Ionen Batterie, die im Konzept der des Formel 1 Wagens entspricht, allerdings 4 mal grösser ausfällt, ermöglicht eine Reichweite von 25 km. In Sachen Effizienz erreicht der Verbrennungsmotor des Hochleistungssportlers einen Wirkungsgrad 40%, was aktuell einen Spitzenwert markiert. Wer es krachen lässt, kann den AMG Hypercar in unter 6 Sekunden von 0 auf 200 km/h beschleunigen, und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von über 350 km/h.

Eine Mehrlenkerkonstruktion mit einstellbarem Gewindefahrwerk und quer zur Fahrtrichtung angeordneten Push-Rod-Federbeinen sollen schnelle Richtungswechsel ohne Wankbewegungen mit möglichst hohem Komfort gewährleisten.

Das exclusive 10-Speichen-Schmiederad mit Zentralverschluss wurde exclusiv für den Project ONE entwickelt. Mittels einer radialen, aerodynamisch ausgefeilt gestalteten Teilabdeckung aus Carbon, soll eine bessere Umströmung des Rads gewährleistet werden, wodurch eine bessere Aerodynamik erreicht und der cW-Wert gesenkt wird. Drei flache Belüftungsschlitze pro Speichenabschnitt sorgen dabei für eine optimierte Wärmeableitung von den Bremsen.

Formel 1 rückt näher in den Alltag

Oftmals ist es schwer zu erkennen dass Motorsport einen realen Nutzen für die Entwicklung von normalen und bescheidenen Strassenfahrzeugen darstellt. Diverse Technologien und Materialien werden am Limit getestet und optimiert. Seit Jahrzehnten fliessen Erkenntnisse aus dem Motorsport in die Serienproduktion. Mit dem AMG Project ONE rückt die Königsklasse des Motorsports, die Formel 1, noch näher in den Alltag. Besonders die Hybrid Antriebstechnik erfährt aktuell, nach den Dieselskandalen, einen enormen Aufschwung. Solche Hypercars bieten die Möglichkeit bereits in der Entwicklung Hochleistungssysteme zu entwickeln, die später in gewöhnliche Automobile umgesetzt werden. Dies geschieht zwar bereits in der Formel 1, allerdings bietet ein eigener Hochleistungssportler, auf Basis der Formel 1, noch mehr Freiraum für die Ingenieure, Entwicklungsergebnisse umzusetzen, denn die Regeln der Formel 1 sind verlgleichsweise sehr streng.

All diejenigen die sich gleich zur nächsten Mercedes-Vertretung begeben, um den kommenden Serien-Hypercar von AMG zu bestellen, der voraussichtlich 2019 erhältlich sein wird, müssen wir leider bitter enttäuschen. Auch wenn die 2,7 Millionen Euro (ca. 3 Millionen Schweizer Franken) für euch kein Hindernis darstellen, so ist es die Stückzahl von 275 geplanten Exemplaren. Alle Exemplare sind bereits verkauft.

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Manuel Senn

Chef-Redaktor
Gründer von Swiss Daimler Addict, im "früheren Leben" Berufsmusiker, nun freischaffender Motor-Journalist, Fotograf und Möchtegern-Youtuber. Verbringt am liebsten seine ganze Zeit mit Automobilen - insbesondere Mercedes - und schraubt für sein leben gern, auch wenn die Wurstfinger desöfteren im Weg stehen. Besonders die alten Schätze sind seine Leidenschaft, aber auch die jungen und frischen Sterne können für Begeisterung sorgen.
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