Mittlerweile begleitet uns der Redaktions-Benz, ein 300 TE 4matic aus dem Jahr 1989, seit knapp 2 1/2 Jahren. Der Wagen konnte von Anfang an mit seinem gediegenen, etwas pragmatischen aber durchaus eleganten Charme überzeugen. Er glänzte aber auch regelmässig mit seinen Fähigkeiten Aufmerksamkeit für sich zu erregen. Insgesamt hat der Wagen nun etwa 36.000 Kilometer auf dem Kilometer-Zähler, von denen wir etwa 36.000 Kilometer selbst gefahren sind. Warum das so ist, und was alles während des Langzeittests passiert ist, kann ab dem ersten Teil des Langzeittests nachgelesen werden.

Ein 124er gilt für Viele als der letzte echte Mercedes. Man sagt ihm nach, er sei robust, äusserst langlebig, unkompliziert zu reparieren, äusserst komfortabel und dazu noch zeitlos elegant. Mehr Auto braucht kein Mensch heisst es auch oft. Wenn man nach den Erfahrungen mit dem Redaktions-Benz ginge, müsste man vehement widersprechen. Das wäre der Baureihe gegenüber aber nicht fair. Dieses Exemplar hatte das Problem einen schlampigen Vorbesitzer zu haben. Wenn ein schlampiger Vorbesitzer an nahezu jedem Bauteil hantiert hat, dann wird auch so ziemlich alles kaputt gehen, was kaputt gehen kann, so auch bei dem Exemplar, dass wir aus dem Grund liebevoll „Murphy“ getauft haben.

Ein gutes Beispiel sind die Einspritzdüsen. Weil der Motor nicht zufriedenstellen lief, bekam der Wagen einen Satz neuer Einspritzdüsen. Diese befinden sich im Ansaugkrümmer, in dafür vorgesehenen Kunststoffführungen. Diese haben Langlöcher, die dafür sorgen dass die Einspritzdüse mit Luft „umspült“ wird. Diese müssen entsprechend ausgerichtet sein damit das ideale Benzin-Luft Gemisch möglichst gut erzeugt werden kann. Beim Ausbau fiel auf, dass diese Langlöcher eher nach dem Zufallsprinzip ausgerichtet waren, und der unrunde Motorlauf möglicherweise nicht an verschlissenen Einspritzdüsen lag.

Solche Unachtsamkeiten machten sich über den ganzen Wagen verstreut bemerkbar, und führen regelmässig dazu, dass die Maschine den Menschen im Stich lässt. Ein billiger Zündverteiler gab pünktlich bei 30.000 Kilometern auf, eine altersschwache Zündspule jagte den nächsten Zündverteiler über den Jordan, diverse Schalter haben Kontaktprobleme, das Kombiinstrument wurde mit Heisskleber malträtiert, dem KPR wurde sein Eigengewicht in Form von Lötzinn hinzugefügt, und weitere Kleinigkeiten und eine Menge Rost durch Sprühdosenkünstlerei. Es ist also eher der Mensch, der die Maschine im Stich gelassen hat.

Ein Ausnahmetalent

Wenn man sich umhört, und mit Leuten spricht die ebenfalls 124er fahren, erfährt man schnell dass Murphy ein Ausnahmetalent ist. Grundsätzlich ist ein 124er ein grundsolides Auto. Besonders der 3 Liter Reihensechszylinder M103, der auch bei Murphy verbaut ist, glänzt mit einer enormen Langlebigkeit. Hinzu kommt, dass der Motor unheimlich laufruhig ist. Obwohl er kein Leistungswunder ist, kann man ohne Zweifel behaupten, dass es eines der besten Motoren ist, die Mercedes je gebaut hat. Auch in Sachen Komfort lässt Murphy kaum Wünsche offen. Sowohl das Fahrwerk, als auch der Sitzkomfort sind wirklich gut, und auch für heutige Verhältnisse absolut langstreckentauglich. Bei rutschigen Strassenverhältnissen, wie beispielsweise Schnee, kann die 4matic durchweg überzeugen. Es gibt kaum Situationen in denen das recht eigenwillige, aber sehr gut durchdachte Allradsystem einen im Stich lässt. In Kombination mit der Standheizung, ist Murphy bestens für den Winter ausgerüstet.

Empfehlen, oder nicht empfehlen…

Eigentlich dürfte ich nach den Erfahrungen keine Empfehlung aussprechen, ich tue es aber trotzdem. Der 124er ist ein grundsolides Auto mit reichlich Komfort, einer enormen Langlebigkeit, gute Wartung vorausgesetzt, und einem zwar etwas pragmatischen, aber durchaus reizvollen Charme. Ich mahne allerdings dazu, bei der Suche möglichst genau hinzusehen, und lieber beim Kauf mehr auszugeben. Der teurere Kauf, ist oft der bessere. Wenn der Zustand passt.

Passend hierzu, möchten wir auf unser Youtubevideo aufmerksam machen :

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Manuel Senn

Chef-Redaktor
Gründer von Swiss Daimler Addict, im "früheren Leben" Berufsmusiker, nun freischaffender Motor-Journalist, Fotograf und Möchtegern-Youtuber. Verbringt am liebsten seine ganze Zeit mit Automobilen - insbesondere Mercedes - und schraubt für sein leben gern, auch wenn die Wurstfinger desöfteren im Weg stehen. Besonders die alten Schätze sind seine Leidenschaft, aber auch die jungen und frischen Sterne können für Begeisterung sorgen.
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