Die Mehrheit der Menschen, die morgens in ihren Wagen einsteigen, um zur Arbeit, zur Uni, zum Bäcker, zur Geliebten oder sonst wohin zu fahren, verschwendet keinen Gedanken daran, wie sie den Motor startet. Der Motor wird gestartet und es wird losgefahren. In der kalten Jahreszeit überkommt manchen ein Gefühl des Unwohlseins, weil es einfach kalt ist. Der eine lässt den Motor eine halbe Stunde lang laufen, damit ihn selbst nicht allzu sehr beim Losfahren fröstelt. Mancher behauptet, das sei auch gut für den Motor. Der andere fährt gleich los, aber ganz gemächlich. Das Thema „Kaltstart“ wird in diversen Foren und sozialen Medien sehr kontrovers diskutiert. Zum Teil sind die Meinungen festgefahren, und es wird persönlich angegriffen. Wir wollen gerade deswegen dieses
Thema möglichst objektiv behandeln und sachkundig aufklären.

Gibt es eine ideale Prozedur für den Motor? Schadet eine andere? Hat der Gesetzgeber ein Wort mitzureden? Wir haben zu diesem Thema in diversen Internetforen recherchiert, bei einem renommierten Kfz-Meister nachgefragt und hatten letztendlich auch die Gelegenheit, mit einem Motorenexperten darüber zu sprechen.

Der Gesetzgeber hat tatsächlich eine klare Einstellung zu diesem Thema. Das heben wir uns aber bis zum Schluss auf. Wir wollen uns zunächst nur darauf konzentrieren, was im Motor passiert.

Die Ausgangslage

Vor dem Kaltstart befindet sich ein Grossteil des Motoröls in der Ölwanne. Normalerweise sollten die Motorkomponenten mit einem Ölfilm überzogen sein, der eine gewisse Schmierung beim Kaltstart gewährleisten soll. Bei vielen Motoren befinden sich in den Ölkanälen Rückschlagventile, die verhindern sollen, dass allzu viel Öl abfliesst. Beim Einschalten der Zündung wird zunächst der Kraftstoffdruck aufgebaut. Beim Starten dreht der Anlasser den Motor. Gleichzeitig fördert die Ölpumpe Motoröl aus der Ölwanne durch die Ölkanäle im Motorblock zu den zu schmierenden Komponenten, zum Turbolader, bis hin zu den Nockenwellen, die zumeist ganz oben unter den Ventildeckeln liegen. Gleichzeitig wird Kraftstoff zugeführt: Beim Benzinmotor zünden Zündkerzen das Luft-Benzin-Gemisch, beim Dieselmotor helfen während der Warmlaufphase Glühkerzen dabei, das Luft-Diesel-Gemisch vorzuzünden, was bei Betriebstemperatur nicht mehr vonnöten sein wird, da sich das Gemisch dann selbst durch Verdichtung entzündet (daher auch der Name „Selbstzünder“). Konnte der Motor gestartet werden, klinkt sich der Anlasser aus und der Motor läuft. Diese Prozedur variiert je nach Ausführung und Alter leicht, ist im Grundprinzip aber stets gleich.

Die Problematik

Allen Motoren ist gemein, dass Motoröl mit sinkenden Temperaturen dickflüssiger wird – je nach Ölsorte mehr oder weniger. Das erschwert die Motorschmierung und erhöht den Verschleiss bei kalten Temperaturen. Das kann man mit qualitativ hochwertigen Ölen minimieren, aber nicht gänzlich verhindern. Hinzu kommt die Problematik der Schmierölverdünnung. Da bei Dieselmotoren das Gemisch selbst als Zündimpuls dient und dadurch kaum Zeit hat, zu kondensieren und der Dieselkraftstoff selbst eine schmierende Wirkung aufweist, ist das Thema eher bei Benzinmotoren relevant. Unter Schmierölverdünnung versteht man Folgendes: Das eingespritzte Benzin neigt bei kaltem Motor dazu, an den Zylinderwänden (und bei Motoren mit Saugrohreinspritzung im Ansaugtrakt) zu kondensieren. Um das zu kompensieren, wird das Gemisch angereichert, also mit mehr Benzin versetzt. Dies geschieht bei aktuellen Motoren in der Regel über die Motorsteuerung, indem entsprechend mehr eingespritzt wird, oder über ein Kaltstartventil. Da Benzin an den Zylinderwänden wie ein Lösungsmittel wirkt, wird ein Teil des Motoröls von den Zylinderwänden „abgewaschen“ bzw. verdünnt. Dadurch bricht die Schmierung zwar nicht ganz ab, wird aber beeinträchtigt.

Es geht also nicht mehr darum, die ideale Startprozedur zu finden, sondern das geringere Übel, bei dem der Motor möglichst schnell und schonend auf Betriebstemperatur kommt.

Das geringere Übel

Auf den ersten Blick scheint es das geringere Übel zu sein, den Motor im Stand auf Betriebstemperatur kommen zu lassen. Allerdings geht das sehr langsam. In einem Test hat der ADAC kürzlich ermittelt, dass ein Motor, der bei einer Aussentemperatur von -10 °C gestartet wird und im Stand laufen gelassen wird, nach vier Minuten auf eine Kühlwassertemperatur von lediglich -7 °C kam und dabei 0,15 Liter Benzin verbrannte. Diese Prozedur verbraucht also vergleichsweise viel Kraftstoff und zieht die Warmlaufphase unnötig in die Länge.

  • Ist es also eher ratsam, gleich los zu fahren?

In den allermeisten Fällen ist es das tatsächlich. Aber auch hier gibt es einiges zu beachten. Wenn man den Motor startet, sollte man ein paar Sekunden warten, bis sich der Leerlauf stabilisiert und das Motoröl verteilt hat. Die Zeit, bis man in Ruhe die Sicherheitsgurte angelegt und gegebenenfalls das Radio eingestellt
hat, reicht in der Regel vollkommen aus. Nach längeren Standzeiten hört man unter Umständen ein „Tickern“ der Hydrostössel. Diese sollten sich aber innerhalb weniger Sekunden mit Öl füllen und „beruhigen“. Beim Fahren während der Warmlaufphase sollte man dem Motor maximal 50 % Last zumuten. Bei der Verbrennung kann zu viel Kraft, die auf Kolben, Pleuel und besonders Lager einwirkt, bei nicht idealer Schmierung zu erheblich erhöhtem Verschleiss führen. Es ist ausserdem zu empfehlen, die Drehzahl niedrig zu halten; als Faustregel kann man die halbe Nenndrehzahl nehmen. Je nach Motor sprechen wir von Drehzahlen von maximal 2.000 bis 3.000 Umdrehungen pro Minute. Ab einer Kühlwassertemperatur von circa 80 °C kann man dem Motor mehr zumuten. Man sollte dabei beachten, dass sich aus der Hohe der Kühlwassertemperatur nicht unbedingt schliessen lässt, ob auch die restlichen Komponenten ihre Betriebstemperatur erreicht haben. Es kann unter Umständen noch eine gute Viertelstunde dauern, bis das Öl seine ideale Betriebstemperatur erreicht und Motor und Getriebe voll belastbar sind.

Motoren sind schon seit Jahrzehnten dafür ausgelegt, auch beim Kaltstart leichte Last zu ertragen. Kolbenform, spezielle Beschichtungen und eingeplante Notlaufeigenschaften der Komponenten tragen dazu bei, dass man auch bei tiefen Minusgraden unbesorgt losfahren kann. Fahrzeuge ab der Euro 4-Norm müssen sowohl Abgastests bei Raumtemperatur als auch bei -7 °C absolvieren. Da die Abgase ab Start des Motors gemessen werden, hat ein sauberer Kaltstart starken Einfluss auf die Abgasnorm-Einstufung. Diskrepanzen werden bestraft. Die Zeiten, in denen Motoren beim Kaltstart übermässig überfetteten und dadurch eine relativ hohe Schmierölverdünnung verursacht haben, sind vorbei.

Keine Regel ohne Ausnahmen

Es gibt aber durchaus Situationen, in denen das „gleich Losfahren“ nicht unbedingt das geringere Übel ist.

Eine Ausnahme ist beispielsweise gegeben, wenn das Fahrzeug über Nacht bei Minusgraden auf einer Autobahnraststätte ausgekühlt ist. Hier wäre es zur schonender, den Motor ein paar Minuten warmlaufen zu lassen, anstatt gleich loszufahren und den kalten Motor auf der Autobahn hohen Drehzahlen auszusetzen. Ein weitere Ausnahme wäre, wenn man gleich nach dem Starten (womöglich mit schwerem Anhänger) einen Berg hochfahren müsste. In diesem Fall wäre es ebenfalls ratsam, den Motor ein paar Minuten im Stand laufen zu lassen oder- noch besser – einen Umweg zu nehmen, der keine allzu steilen Steigungen aufweist. Noch eine Ausnahme wäre es, wenn man gleich nach dem Starten einen Berg runterfahren müsste. Wie beim Warmlaufenlassen im Stand könnte es auch hier sehr lange dauern, bis der Motor auf Temperatur kommt, wobei aber der Motor höheren Drehzahlen ausgesetzt wäre. Früher war es oft üblich, ein Stück Karton vor dem Kühler zu platzieren, was dem durchschnittlichen Fahrer aber nicht zu empfehlen ist. Auch in diesem Szenario wäre ein
Warmlaufenlassen das geringere Übel.

Das sagt der Gesetzgeber

Der Gesetzgeber nimmt hierzu eindeutig Stellung. Gemäss Artikel 33, Absatz a der Verkehrsregelnverordnung (VRV) ist das Warmlaufenlassen im Stand ausdrücklich verboten. Der genaue Text lautet :

„Fahrzeugführer, Mitfahrende und Hilfspersonen dürfen, namentlich in Wohn- und Erholungsgebieten und nachts, keinen vermeidbaren Lärm erzeugen. Untersagt sind vor allem andauerndes, unsachgemässes Benützen des Anlassers und unnötiges Vorwärmen und Laufenlassen des Motors stillstehender Fahrzeuge.“ Quelle : Verkehrsregelnverordnung

Ein Verstoss wird mit 60 Franken Busse geahndet.

In den meisten umliegenden Ländern sieht die Gesetzeslage genauso oder ähnlich aus. Die Höhe der Bussgelder variiert dabei jedoch. Es ist also schon allein aufgrund der Gesetzeslage unbedingt davon abzuraten, den Motor im Stand warmlaufen zu lassen.

Es gibt also keine wirkliche Alternative zum normalen Starten, und gleich Losfahren. Oder doch?

Die Alternativen

Bei vielen Fahrzeugen, bei denen sofortige Startbereitschaft unabdingbar ist und wo in den seltensten Fällen auf Verschleiss in der Warmlaufphase geachtet wird (beispielsweise bei Krankenwagen oder Feuerwehr), wird das Kühlwasser zumeist mittels einer elektrischen Motorvorwärmung auf Temperatur gehalten, was den absoluten Idealfall darstellt. Für Otto- bzw. Diesel-Normalverbraucher ist diese Methode
aufgrund der hohen Energiekosten allerdings vollkommen unrentabel.

Die bessere Alternative für die meisten Kraftfahrzeughalter wäre eine Standheizung. Eine Standheizung heizt, indem sie in einer kleinen Brennkammer Kraftstoff verbrennt. Dabei wird warme Luft durch die Luftdüsen in den Innenraum geleitet und dieser aufgewärmt. Dadurch werden auch die Scheiben von Schnee und Eis befreit. Da dies über den Kühlwasserkreislauf des Motors geschieht, wird auch der Motor dadurch geheizt, sodass es nach dem Einsatz der Standheizung nicht
mehr zum Kaltstart kommt. Der Motor erfährt weniger Verschleiss, und durch den Wegfall der Kaltstartanreicherung, die aufgrund der Kondensierung des Kraftstoffs an den kalten Zylinderwänden vonnöten wäre, wird Kraftstoff eingespart. Die Einsparung übersteigt in den meisten Fällen sogar die Menge an Kraftstoff, die zum Betreiben der Standheizung gebraucht wird. Die Investition von rund 2.000 Franken aufwärts, je nach Fahrzeuggrösse, rentiert sich auf lange
Sicht in Form von Kraftstoffeinsparung und geringerem Motorverschleiss. Wer im Winter oft friert, wird den Gewinn an Komfort besonders zu schätzen wissen. Auf für diejenigen, bei denen die bereits erwähnten Ausnahmen gelten, ist eine Standheizung die deutlich bessere Lösung.

Beim Einsatz der Standheizung sollte man darauf achten, dass Komponenten, die nicht am Kühlwasserkreislauf des Motors hängen (Getriebe, Differential, Stossdämpfer, Achsgelenke, diverse Lager und andere Bauteile, die ebenfalls eine gewisse Schmierung benötigen), nicht mit aufgewärmt werden und besonders im Winter bei Fahrtantritt höherem Verschleiss ausgesetzt sind. Auch eine Standheizung befreit den Fahrer nicht davon, die ersten Kilometer gefühlvoll und materialschonend zu fahren, bis alle Komponenten
ihre Betriebstemperatur erreicht haben.

Besonderen Dank gebührt dem W126-Forum, Herrn Wyder von der Delta-Motor AG, und Mark Ludwig für die grosszügige Hilfe bei der Recherche zu diesem Thema.

Schlussredaktion : Robert Bardorf

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Manuel Senn

Chef-Redaktor
Gründer von Swiss Daimler Addict, im "früheren Leben" Berufsmusiker, nun freischaffender Motor-Journalist, Fotograf und Möchtegern-Youtuber. Verbringt am liebsten seine ganze Zeit mit Automobilen - insbesondere Mercedes - und schraubt für sein leben gern, auch wenn die Wurstfinger desöfteren im Weg stehen. Besonders die alten Schätze sind seine Leidenschaft, aber auch die jungen und frischen Sterne können für Begeisterung sorgen.
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