Nachdem Mercedes angekündigt hatte, die G-Klasse grundlegend zu überarbeiten, wurde zum Teil mit Entsetzen reagiert, oder zumindest mit Trauer um die Ikone aus vergangenen Tagen. Es war allerdings verständlich, dass Mercedes eine Baureihe überarbeitet, deren Chassis noch aus den 70er Jahren stammt. So imposant auch die "alte" G-Klasse sein mag, ist es im Innenraum doch recht eng. Die zahlreichen Bilder des Erlkönigs sorgten allerdings für Entspannung, so konnten auch Experten nur mit Mühe Unterschiede zur altbekannten, und beliebten G-Klasse finden. Die Teaser, die Mercedes einige Tage vor der Weltpremiere veröffentlichte zeigen, dass Mercedes den Kult und die Bedeutung dieser automobilen Ikone sehr gut verstanden hat. Die in 44 Tonnen "Bernstein" gegossene G-Klasse sagt deutlich aus, dass die G-Klasse für die Ewigkeit gebaut wurde, sowohl technisch, als auch ideell. Eine enorme Verantwortung für die neue G-Klasse.

Die Premiere gibt uns nun aber die Gewissheit : Die neue G-Klasse kann den einzigartigen Charakter bewahren. Und auch die G-Lüste nach G-Wortspielen bleiben uns wohl erhalten.

Alte G-Tugenden pflegen

Ola Källenius, Vorstandsmitglied der Daimler AG, verantwortlich für Konzernforschung und Mercedes-Benz Cars Entwicklung fasst die Eigenschaften der neuen G-Klasse zusammen : „Die neue G-Klasse legt die Messlatte in allen relevanten Bereichen noch ein Stück höher – in Sachen Performance auf und abseits der Straße ebenso wie beim Komfort und der Telematik. Unsere ‚dienstälteste‘ Baureihe ist damit bestens gerüstet, ihre Erfolgsgeschichte fortzuschreiben. Kurz gesagt: Der neue ‚G‘ bleibt ein ‚G‘, nur besser“

Von Grund auf wurde die neue G-Klasse entwickelt. Lediglich drei Teile entstammen der alten G-Klasse, darunter die Türgriffe, wie Dr. Dieter Zetsche auf der Premiere erzählt, und dabei ein Türgriff aus der Tasche zaubert.

Auch sonst wurden sämtliche Eigenschaften der G-Klasse bewahrt, wie die aussen liegenden Türscharniere, die aufgesetzte Motorhaube, die oben aus den vorderen Kotflügeln herausragenden Blinker, das an der Hecktür montierte Ersatzrad, bis hin zum markanten Geräusch der Zentralverriegelung. Besonders die kantige Grundform wurde lediglich an die neuen Ausmasse angepasst. 53 Millimeter länger und 121 Millimeter breiter ist die neue G-Klasse geworden, was den Insassen mehr Platz bietet, und der Gesamterscheinung noch etwas mehr Präsenz gibt.

Das Gesamtdesign hat einen leicht modernen Touch bekommen. Die Flächen wurden straffer gezeichnet, stärker gespannt, und die Oberflächenqualität angehoben. Schmalere, präzisere Fugen und harmonischere Übergänge sind die Folge. Die Stossfänger und Radläufe wurden zudem stärker in die Karosserie integriert, und wirken weniger "additiv". Die Massnahmen wurden aber mit viel Feingefühl angewandt, um den beliebten kantig-groben leicht herben Charakter der G-Klasse beizubehalten.

Mehr Spielraum im Innenraum

Während das grobe Äussere der neuen G-Klasse mit Samthandschuhen behandelt wurde, so hatten die Designer im Inneren mehr Spielraum, denn die G-Klasse hat in der Vergangenheit schon öfter Modernisierungen des Innenraums erfahren. Dennoch wurde der Kultcharakter auch da keinesfalls vernachlässigt, sondern nur in die heutige Zeit geholt.

Diverse Designelemente des Exterieurs zieren den Innenraum. Das ganze Armaturenbrett ist der markanten G-Klasse Front nachempfunden, wobei die Lüftungsdüsen die Scheinwerfer zitieren. Ebenso die Blinker finden als Lautsprecher Einzug in den Innenraum. Der Haltegriff für den Beifahrer, sowie die drei markanten Schalter für die Differentialsperren sind in optimierter Form erhalten geblieben.

Serienmässig beinhaltet das Cockpit analoge Tuben als Rundinstrumente, für die Fans klassischer Geschwindigkeitsanzeigetechnik. Auf Wunsch sind die aus der aktuellen E- und S-Klasse bekannten beiden 12,3 Zoll Displays unter dem durchgehenden Deckglas erhältlich. Hierbei hat der Fahrer die Wahl zwischen den drei Stilen "Klassisch", "Sportlich" und "Progressiv", und kann ebenfalls die für ihn relevanten Informationen individuell einstellen.

Ein Touchpad-Controller erlaubt es dem Fahrer mithilfe von haptischen Impulsen und Rückmeldungen über den Lautsprechern diverse Einstellungen vorzunehmen ohne den Blick von der Strasse zu nehmen. Für häufig gebrauchte Funktionen befinden sich vor dem Controller Direkttasten. Eine optionale Bedienleiste für diverse Assistenzsysteme über dem Lichtdrehschalter ergänzt das Bedienungskonzept.

Mehr Spielraum haben nicht nur die Designer bekommen, auch die Insassen haben nun dank der grösseren Ausmasse mehr Raum zum "Spielen". Während Fahrer und Beifahrer sich über einen um 38 mm gewachsenen Beinraum erfreuen, sind es bei den Fondpassagieren sogar 150 mm mehr als vorher. Ebenfalls um 38 mm ist der Schulterraum vorne gestiegen, hinten sind es 27 mm mehr. Auch die Ellenbogenbreite ist vorne um 68 mm, und hinten um 56 mm gestiegen. Die hinteren Sitze lassen sich um 40, 60 oder 100% umklappen.

Die bereits in der Serienaustattung sehr guten Sitze sind ergonomisch geformt, bieten mehr Seitenhalt, und sind mit zahlreichen Komfortfunktionen ausgestattet, wie Memory-Funktion für den Fahrersitz, Sitzheizung für vorne und hinten wie auch die Komfortkopfstütze vorne. Für noch mehr Sitzkomfort lässt sich das Aktiv-Multikontoursitz-Paket dazubuchen. Die darin enthaltenen Multikontoursitze bieten zusätzlich verschiedene Massagefunktionen, eine Sitzklimatisierung, eine schnelle Sitzheizung, und eine elektrisch einstellbare Lordosenstütze für Fahrer und Beifahrer. Das Besondere an den aktiven Multikontoursitzen sind die in den seitlichen bereichen der Sitzauflagen und -lehnen eingearbeiteten Luftkammern, die je nach Fahrdynamik stufenlos gefüllt oder entleert werden können, um Fahrer und Beifahrer bei Seitenkräften, beispielsweise in Kurvenfahrten, besser zu unterstützen. Sogar die Experten der „Aktion Gesunder Rücken e.V.“ empfehlen die Vordersitze des Aktiv-Multikontoursitz-Pakets.

Die wahre Seele der G-Klasse - Das G-lände

So "zivilisiert" eine G-Klasse auch sein mag, und so sehr sie es versteht seine Insassen mit Luxus zu verwöhnen, die G-Klasse wurde seit der ersten Stunde der Entwicklung 1972 für das Gelände, für den harten Offroad Einsatz entwickelt, und gebaut, mit der Prämisse auch auf öffentlichen Strassen komfortabel zu sein. Dieser mühelose Spagat macht die Essenz dieser Ikone aus. Und genau da haben die Ingenieure angesetzt. Die neue G-Klasse soll im Gelände noch fähiger sein, und gleichzeitig agiler, dynamischer und komfortabler auf der Strasse sein als sein Vorgänger.

In einer Kooperation der Mercedes-Benz G GmbH, und der Mercedes-AMG GmbH, entstand ein neues Fahrwerk, bestehend aus einer Einzelradaufhängung mit Doppelquerlenker-Vorderachse in Kombination mit einer starren Hinterachse. Hierbei wurde um jeden Millimeter gekämpft, denn für einen Geländewagen ist Bodenfreiheit entscheidend. Durch eine Höherlegung der Achsen wurde dazu beigetragen, was allerdings eine Domstrebe im Motorraum erfordert.

Ohne Fahrschemel sind die Komponenten der Doppelquerlenker-Vorderachse direkt mit dem Leiterrahmen verbunden. Die Anbindungspunkte am Rahmen des unteren Querlenkers in Z-Richtung sind so weit wie möglich oben positioniert. Dadurch sollen eine möglichst gute Fahrbarkeit im Gelände erreicht werden. Die Vorderachskonstruktion wurde so robust ausgelegt, dass die neue G-Klasse jenseits der Strassen mit der "alten" mindestens mithalten kann, und sie teilweise übertrifft. Dabei wurden beachtliche Werte erreicht. Die Steigfähigkeit liegt bei 100%, bei entsprechendem Untergrund. Die Bodenfreiheit zwischen den Achsen ist um 6 mm, auf 24,1 cm gestiegen, die maximale Wattiefe um 10 cm auf 70 cm, die fahrstabile Schräglage um 7° auf 35°, die Böschungswinkel um 1° auf 30° hinten, und 31° vorne, und der Rampenwinkel um 1° auf 26°.

Die Steifigkeit des Karrosseriebaus konnte dank der Einzelradaufhängung erhöht werden. Eine Federbeinbrücke verbindet jetzt die vorderen Federbeindome, was die Torsionssteifigkeit des Leiterrahmens erhöht. Die neue Starrachse wird nun mit vier Längslenkern pro Seite und je einem Panhardstab geführt, was dem Komfort auf der Strasse zugute kommt. 82 mm Ein- und 142 mm Ausfederweg sorgen mit einer Bodenfreiheit von 241 mm zum Hinterachsgetriebe für ein sicheres Verhalten im Gelände. Wie auch sein Vorgänger, verfügt die neue G-Klasse natürlich über drei sperrbare Differentiale, und einer Geländeuntersetzung.

Moderne Fahrprogramme

Mit DYNAMIC SELECT lässt sich das Fahrverhalten anhand von bis zu fünf Fahrprogrammen auf Knopfdruck einstellen. Hierbei werden Motor, Getriebe, Fahrwerk, Lenkung und Assistenzsysteme in Sekundenschnelle entsprechend angepasst. Der "ECO" Modus erlaubt hierbei eine möglichst verbrauchsorientierte Fahrweise. Der "Comfort" Modus soll möglichst hohen Fahrkomfort bieten. Der "Sport" Modus ändert das Schaltverhalten des Automatikgetriebes, und schärft dabei das Ansprechverhalten des Motors. Dabei werden ebenfalls die Parameter der elektrischen Lenkung, und der Abgasklappe angepasst. Mit dem "Individual" Modus kann der Fahrer seine bevorzugten Einstellungen selbst wählen. Noch mehr Möglichkeiten stehen dem Fahrer mit der optionalen aktiven Verstelldämpfung zur Verfügung. Hierbei können im "Sport" und "Individual" Modus die Dämpfungseigenschaften verändert werden. Im Gelände kann beispielsweise die Dämpfungshärte erhöht werden, während das Fahrwerk im "Sport" Modus agiler reagiert.

Für das Gelände, bietet die neue G-Klasse einen "G-Mode", der unabhängig vom Fahrprogramm automatisch eingeschaltet wird, sobald eine Differentialsperre, oder die Geländeuntersetzung eingeschaltet wird. Ein kleines "G" Icon leuchtet dann dezent im Kombiinstrument auf. Dabei werden die Parameter für die Verstelldämpfung, der Lenken und der Gaspedalkennlinie angepasst. Zusätzlich wird das Getriebe entprechend angepasst um unnötige Schaltvorgänge zu vermeiden, und so maximale Kontrolle und Geländegängigkeit zu bieten.

Mehr Komfort auf den Strassen

Schon zur Premiere der G-Klasse 1979, wurde sie damit beworben auch auf Strassen souverän und komfortabel unterwegs zu sein. Mit der neuen G-Klasse wurde die Strassentauglichkeit noch erhöht. Das Vorderachskonzept ermöglicht ein agileres, komfortableres und sichereres Lenkgefühl, er bleibt stabiler in der Spur und ist leichtfüssiger, und unangestrengter unterwegs, sowohl auf, als auch abseits der Strasse.

Mithilfe von Computersimulationen wurde errechnet, an welchen Stellen leichtere Werkstoffe eingesetzt werden können. Ein Materialmix aus festen, hochfesten und ultrahochfesten Stählen und Aluminium in Kombination mit verbesserten Produktionsprozessen konnte ganze 170 Kilogramm gegenüber seinem Vorgänger einsparen, was ebenfalls dem Fahrverhalten zugute kommt. Geichzeitig wurde die Torsionssteifigkeit um ca. 55% erhöht. Auch das kommt dem Fahrverhalten zugute, und reduziert Vibrationen und Geräusche während der Fahrt.

Kraftvoller Antritt

Zur Markteinführung im Juni ist die neue G-Klasse zunächst als G 500, mit dem bekannten M176 Biturbo-V8 Motor, der aus 4 Litern Hubraum 310 kW / 422 PS und ein maximales Drehmoment von 610 Nm bei 2.000-4750 U/min. schöpft. Der Kraftstoffverbrauch wird mit kombiniert 11,1 l/100km angegeben. Für die Kraftübertragung sorgt hierbei ein speziell auf den Offroad-Einsatz abgestimmtes 9G-Tronic Getriebe. Die Reaktionszeiten des Getriebes konnten mithilfe einer eigenständigen Software für die G-Klasse verkürzt werden. Eine grosse Spreizung der Gänge erlaubt es bei niedrigen Drehzahlen zu fahren, was dem Komfort, und dem Verbrauch zugute kommt.

G-lungene Neuaufla-G

Ich muss gestehen, dass ich zunächst recht bestürzt war, als ich erfuhr, dass die G-Klasse von Grund auf neu entwickelt werden soll. Ich sah die G-Klasse bereits im Reich des Vergangenen mit anderen Ikonen, wie dem VW Käfer, oder dem Mini, oder anderen Automobil-Ikonen deren Neuauflagen nicht einmal ansatzweise an den Charme ihrer Vorväter kamen. Der eine schielte furchtbar, und hatte vergessen wo sein Motor sitzt, und der Andere hat furchtbar viel zugenommen. Die Erlkönig Bilder der G-Klasse liessen zwar etwas Hoffnung aufkommen, konnten die Skepsis aber nicht vollends zunichte machen.

Gleich bei der Premiere konnte man allerdings sehen, dass Mercedes hervorragende Arbeit geleistet hat, und meiner Ansicht nach, die beste Retro-Neuauflage überhaupt auf die Beine gestellt hat. Sowohl der Respekt für die Proportionen, die Form, als auch für die Identität der G-Klasse fühlt man deutlich bei dieser Neuauflage. Zudem ist die G-Klasse nicht nur Schein, sondern ein ernst zu nehmender Geländewagen. Bei der Präsentation wusste Dr. Zetsche auch zu überzeugen, dass sich alle Verantwortlichen sehr bewusst waren, um welche Ikone es da geht.

Auch Arnold Schwarzenegger, ein grosser Fan der G-Klasse, war Teil der Präsentation. Er bewunderte die neue, wie auch die alte G-Klasse. Er, als Besitzer der ersten vollelektrischen G-Klasse, und bekennender Umwelt- und Elektroautofreund, konnte es nicht lassen, Dr. Zetsche leicht in die Enge zu treiben, indem er nach einer vollelektrischen Version der neuen G-Klasse fragte. Etwas unter Druck, antwortete Dr. Zetsche indirekt, indem er sich selbst zitierte, dass er plane die gesamte Modellpalette zu elektrifizieren. Wir können also davon ausgehen, dass es bald eine vollelektrische G-Klasse geben wird.

Eines muss ich aber noch mit einem Augenzwinkern los werden, werter Herr Schwarzenegger : "Joa mai, bisddu deppert? Don't call it SUV! Des is o echta Geländewagen! Gemma abe a Schnaps ddringä, passt scho."

Premiere G-Klasse - 15.01.2018 North American International Auto Show

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Manuel Senn

Chef-Redaktor
Gründer von Swiss Daimler Addict, im "früheren Leben" Berufsmusiker, nun freischaffender Motor-Journalist, Fotograf und Möchtegern-Youtuber. Verbringt am liebsten seine ganze Zeit mit Automobilen - insbesondere Mercedes - und schraubt für sein leben gern, auch wenn die Wurstfinger desöfteren im Weg stehen. Besonders die alten Schätze sind seine Leidenschaft, aber auch die jungen und frischen Sterne können für Begeisterung sorgen.
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