Mitten in der Schweiz, und zwar wortwörtlich in der Zentralschweiz, bei Luzern, befindet sich seit zwei Jahren in einem Industriegebiet in Rothenburg das Ace Cafe Luzern. Unter Bikern und US-Car Liebhabern bereits eine Institution, gilt das Ace besonders unter Mercedes-Fahrern noch höchstens als Geheimtipp.

Wenn man in die Strasse zum Ace einfährt, fällt dem aufmerksamen Mercedes-Enthusiasten seit neuestem auf: Da steht ein Mercedes! Ein Mercedes bei einem “Biker-Laden”? Hat er sich unter den Bikes und Ami-Schlitten verirrt? Ist er liegen geblieben? Mitnichten!

Der Inhaber des Ace Cafe Luzern, Dany Kunz mit seinem treuen Cailean (Flatcoated Retriever).

Dieser wunderschöne Mercedes-Benz 250 T der Baureihe S123, die letztes Jahr ihren 40. Geburtstag feierte, mit dem Namen “Emilie” gehört seit neuestem dem Petrolhead-Häuptling, Inhaber und Geschäftsführer des Ace Cafe Luzern, Dany Kunz.

Wie kommt es denn nun dazu, dass ein Vollblut-Biker, Fan von Muscle Cars und Cafe-Racern ausgerechnet sein Herz an einen Mercedes verliert?

Dany auf seiner Ducati Scrambler

Hierfür müssen wir zunächst mit ein paar Vorurteilen aufräumen. Dany hat zwar ganz gezielt seine Leidenschaft für das Töff-Fahren und Ami-Schlitten, speziell Muscle Cars, in sein Cafe eingepflanzt, ganz nach dem Vorbild des Ace Cafe London. Man merkt auch, dass die englische Sprache omnipräsent ist. Es vergeht kein Tag am Ace ohne Töff und Muscle Cars. Noch wichtiger war es ihm allerdings, die Offenheit und Vielfalt zu zelebrieren, was jedes Wochenende mit verschiedenen “Meets” in vollen Zügen ausgelebt wird. An dem Tag des Shootings beispielsweise war der Platz voll mit Traktoren und Einachsern. Von der Vespa bis zur Harley, vom Auto mit Wert unter 1000.- CHF bis zum Supersportwagen, von japanischen bis zu amerikanischen Autos, vom Mini bis hin zum Expedtions-LKW gibt es für jeden einen Tag, an dem er sein Gefährt zeigen kann.

Die Geschichte geht zurück ins Jahr 1938, wo das Ace Cafe London gegründet worden ist. Ein Treffpunkt für Rock’n-Roller und Petrolheads – Leute mit Benzin im Blut. Ich selber habe seit langer Zeit gerne Oldtimer, amerikanische Muscle Cars, Töff, natürlich insbesondere Cafe Racer. Und irgendwann habe ich mich gefragt, warum kann der Harley-Fahrer nicht neben dem Triumph-Fahrer hocken? Der Besitzer eines amerikanischen Oldtimers sich mit einem Sportwagen Besitzer unterhalten? […] Völlig verschiedene Maschinen, aber genau die gleiche Leidenschaft! […] Der Grundgedanke steht für das Ace Cafe.” – Dany Kunz

Es bleibt nur noch zu ergänzen, dass es ebenfalls “Meets” für Elektrofahrzeuge beim Ace gibt. So treffen gar Petrolheads auf “Batteryheads” und unterhalten sich miteinander. Jeder trifft jeden, jeder unterhält sich mit jedem. Nach Möglichkeit frei von Vorurteilen, und man bedient sich der Klischees lediglich, um zum Schmunzeln oder Lachen anzuregen… alles gemeinsam.

Die Basis für die Atmosphäre stellt die Gastronomie dar, bei der Dany sehr grossen Wert auf Qualität legt. So kann man morgens genüsslich sein Morgenkaffee schlürfen und dabei diversen “Schätzen” beim Ankommen zusehen, oder sich gar ein authentisches “English Breakfast” gönnen. Ab Mittag kann man sich an hervorragenden Burgern und diversen anderen Leckereien erfreuen.

Mit dem Grundgedanken stand also einem Mercedes nichts im Weg.

Die Marke Mercedes ist Dany allerdings nicht ganz fremd. Danys erstes Auto war ein 190 E „Babybenz“ der W201 Baureihe, mit dem 2 Liter Vierzylinder Benzinmotor, den er zur „Metaller-Karre“ umbaute.

Anschliessend wagte er sich gleich in die Oberklasse, mit einem Mercedes-Benz 280 SE aus der ersten Serie der W126 Baureihe. Nur leider fand der 280 SE ein sehr trauriges Ende. Nach einem Service in einer Garage fuhr Dany nach Basel. Anschliessend vernahm er während der Nachhausefahrt seltsame Geräusche vom Motor. Wenige Sekunden später blieb er mit einem Motorschaden liegen. Wie sich herausstellte, hatte man beim Ölwechsel zwar das alte Motoröl abgelassen, aber man hatte es versäumt frisches Motoröl wieder nachzufüllen, was der Besitzer der Garage leugnete. Selbst beim Herausdrehen der Ablassschraube kam kein Tropfen Öl raus. So war der Motorschaden selbst beim eigentlich unzerstörbaren M110 Motor vorprogrammiert. Nachdem der Rechtsstreit gewonnen war, brachte der Wagen beim Verkauf lediglich 500 Franken ein. Der Verlust dieser S-Klasse tut Dany heute noch weh.

 

Nach einer „Mercedes-Pause“, sollte ein Kombi her, mit reichlich Platz. Ein Wagen, den man nicht so oft auf den Strassen sieht. Ein Wagen, bei dem die Leute nicht gleich beleidigt sind oder sich gestört fühlen, wenn sie ihn sehen oder etwas zu sehr hören. Ein Sympathieträger, der bewundernde Blicke auf sich zieht. Die Marke war bei der Suche erst einmal egal.

Dann wurde Dany auf diesen Mercedes-Benz 250 T der Baureihe S123 aus dem Baujahr 1978 aufmerksam, in der wunderschönen Farbkombination Silbergrün und Bambus. Was die Farbe der Innenausstattung betrifft, war ich mir anfangs nicht ganz schlüssig, ob die Farbe Bambus oder Tabak heisst. Dany sagte mir dann scherzend “Ich möchte lieber Tabak haben.“. Nun, nennen wir die Farbe einfach Bambus-Tabak.

Die serienmässige Innenausstattung aus Stoff mit Teilleder in Bambus-Tabak stellt einen sehr reizvollen Kontrast zur recht gediegenen, aber für die 70er Jahre typischen Aussenlackierung in Silbergrün dar. Bei dem Wagen ist die Innenausstattung sehr gut gepflegt. Man sieht keine Verfärbungen, Risse oder sonstige Abnutzung. Lediglich ein paar Blessuren am Dachhimmel sind zu finden. Mehr als Patina kann man dem Wagen soweit nicht vorwerfen, was eher ein reizvolles Indiz dafür ist, dass der Wagen ein Leben hatte.

Im Kofferraum hat es reichlich Platz. Mit ein paar bequemen Decken und einem geruchsneutralen Poop-Emoji-Kissen kann Cailean, ein Flatcoated Retriever, es sich richtig bequem machen. Dank der serienmässigen Niveauregulierung für die Hinterachse dürfte auch ein Rudel Bernhardiner die Federung nicht in die Knie zwingen. Für alle Fälle steht ein vollwertiges Ersatzrad auf der linken Seite jederzeit zur Verfügung. Dank der Positionierung des Ersatzrads und dem flachen Unterflur-Benzintank glänzt der Wagen mit einer erfreulich niedrigen Ladekante.

“Emilie”, wie Dany seinen Wagen nennt, ist für ihre Motorisierung recht üblich ausgestattet. Zum damaligen Neupreis von 26.751.- Deutschen Mark kamen recht pragmatisch nur ein paar funktionelle Extras dazu. Da die Klimaanlage fehlt, spendierten die Erstbesitzer dem Wagen ein Schiebedach. Der rechte Aussenspiegel gehörte bei den T-Modellen zur Serienausstattung. Das Blaupunkt Stockholm-Radio war nicht Bestandteil der Preisliste und wurde nachträglich eingebaut. Es passt aber sehr gut. Extras wie das Doppelrollo für Gepäckabdeckung und Insassenschutz sowie elektrische Fensterheber gehörten damals gerne mal zur Kategorie “sowas braucht kein Mensch”. Man muss also noch kurbeln, um sich Frischluft um die Ohren wehen zu lassen.

Die Bequemlichkeit einer Automatik, die wahlweise mit Schalthebel an der Lenksäule oder wie hier in der Mittelkonsole erhältlich war, konnte man aber doch gut gebrauchen, was allerdings den Verbrauch des ohnehin schon recht durstigen M123-Motors mit 2,5 Litern Hubraum und Doppelregistervergaser vom Typ Solex 4A1 im Gegensatz zum serienmässigen 4-Gang- Schaltgetriebe nochmals etwas erhöht. Allerdings ist dieser Motor im Vergleich zu seinem grösseren Bruder, dem 280er Vergasermodell, deutlich sparsamer. Dany gibt an, Emilie mit etwa 13l / 100km zu fahren, was für diese Motorisierung absolut im Rahmen ist.

Mit ihren 129 PS und einem maximalen Drehmoment von 192 Nm lässt sich Emilie um keinen Preis der Welt hetzen. Dany, der es gerne hin und wieder mit seinen Töffs krachen lässt, geniesst diese Entschleunigung. Der seidenweiche Lauf des lediglich 4-fach gelagerten Motors trägt massgeblich dazu bei. Es scheint, als würde Dany den Kontrast zu den lauten, schnellen Töffs und Muscle Cars gegenüber der sanften, gemächlichen, eleganten und gediegenen Entschleunigung erfreulich erfrischend finden.

Dany ist ganz stolz auf seinen Neuerwerb. Und er hat auch allen Grund dazu. Man sieht es Emilie an, dass sie sehr gut gepflegt wurde. Man mag ihr auch die Schlieren auf dem Lack, die rundum zu finden sind, als Patina verzeihen, wie auch die kleinen Blessuren im Dachhimmel. Auch die für einen 6-Zylinder recht träge Beschleunigung nimmt man eher als entspannende Entschleunigung wahr, ganz besonders, wenn man stets von Töffs und Muscle Cars umringt ist.

Auch der Motorraum ist fast wie geleckt. Lediglich kleine Spuren von Öl sind zu finden. Trotz dieser kleinen Ölspuren würde man Emilie nicht so schnell eine Laufleistung von 193.358 km abkaufen, die sie aber während des Shootings mit Stolz auf dem Kilometerzähler zeigte.

“Rostfrei” sei Emilie, sagte mir Dany, was für einen 123er eine recht kühne Behauptung ist. Und ich fand tatsächlich etwas Rost. An der vorderen linken Wagenheberaufnahme, eine
typische Stelle bei dieser Baureihe, hat sich etwas Flugrost gesammelt. Eine Kleinigkeit, die sich leicht beheben lässt. Emilie befindet sich in einem hervorragenden Zustand und macht richtig Freude. Sie ist kein Museumsstück und zeigt, dass sie gelebt hat, aber auch gut gepflegt wurde. Schon die geringsten Ambitionen, Emilie zu tunen oder irgendwie zu
modifizieren, wie es bei US-Cars oder Bikes üblich ist, quittiert Dany eiskalt : “Emilie bleibt so!”. Lediglich ein Ace Cafe Luzern-Aufkleber ziert das schöne Heck. Das passt auch gut.

Dies könnte der Beginn einer wunderbaren und langlebigen Freundschaft sein. Das wünschen wir Dany, Cailean und Emilie, und natürlich allzeit gute Fahrt!

Zum Ace Cafe Luzern :
Die Gelegenheit für einen Besuch :

 

 

 

 

 

Schlussredaktion : Robert Bardorf

The following two tabs change content below.

Manuel Senn

Chef-Redaktor
Gründer von Swiss Daimler Addict, im "früheren Leben" Berufsmusiker, nun freischaffender Motor-Journalist, Fotograf und Möchtegern-Youtuber. Verbringt am liebsten seine ganze Zeit mit Automobilen - insbesondere Mercedes - und schraubt für sein leben gern, auch wenn die Wurstfinger desöfteren im Weg stehen. Besonders die alten Schätze sind seine Leidenschaft, aber auch die jungen und frischen Sterne können für Begeisterung sorgen.
Share This